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DER PREDIGER
SALOMO
Kapitel 1 -
12
Alles Irdische ist eitel
Kapitel 1
Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des
Königs zu Jerusalem.
Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es
ist alles ganz eitel.
Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe,
die er hat unter der Sonne?
Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber
bleibt immer bestehen.
Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren
Ort, daß sie dort wieder aufgehe.
Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden
und wieder herum an den Ort, wo er anfing.
Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht
voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie
immer wieder.
Alles Reden ist so voll Mühe, daß niemand damit
zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört
sich niemals satt.
Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man
getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht
nichts Neues unter der Sonne.
Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: «Sieh,
das ist neu»? Es ist längst vorher auch geschehen in
den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und
derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei
denen, die noch später sein werden.
Auch das Streben nach Weisheit ist eitel
Ich, der Prediger, war König über Israel zu
Jerusalem
und richtete mein Herz darauf, die Weisheit zu suchen und
zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut. Solch
unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß
sie sich damit quälen sollen.
Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und
siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.
Krumm kann nicht gerade werden noch, was fehlt, gezählt
werden.
Ich sprach in meinem Herzen: Siehe, ich bin herrlich
geworden und habe mehr Weisheit als alle, die vor mir gewesen
sind zu Jerusalem, und mein Herz hat viel gelernt und erfahren.
Und ich richtete mein Herz darauf, daß ich lernte
Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit. Ich ward aber gewahr,
daß auch dies ein Haschen nach Wind ist.
Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und
wer viel lernt, der muß viel leiden.
Torheit und Weisheit sind beide eitel
Kapitel 2
Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will Wohlleben
und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel.
Ich sprach zum Lachen: Du bist toll! und zur Freude: Was
schaffst du?
Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu
laben, doch so, daß mein Herz mich mit Weisheit leitete,
und mich an Torheit zu halten, bis ich sähe, was den
Menschen zu tun gut wäre, solange sie unter dem Himmel
leben.
Ich tat große Dinge: ich baute mir Häuser, ich
pflanzte mir Weinberge,
ich machte mir Gärten und Lustgärten und
pflanzte allerlei fruchtbare Bäume hinein;
ich machte mir Teiche, daraus zu bewässern den Wald
der grünenden Bäume.
Ich erwarb mir Knechte und Mägde und hatte auch
Gesinde, im Hause geboren; ich hatte eine größere Habe
an Rindern und Schafen als alle, die vor mir zu Jerusalem waren.
Ich sammelte mir auch Silber und Gold und was Könige
und Länder besitzen; ich beschaffte mir Sänger und
Sängerinnen und die Wonne der Menschen, Frauen in Menge,
und war größer als alle, die vor mir zu
Jerusalem waren. Auch da blieb meine Weisheit bei mir.
Und alles, was meine Augen wünschten, das gab ich
ihnen und verwehrte meinem Herzen keine Freude, so daß es
fröhlich war von aller meiner Mühe; und das war mein
Teil von aller meiner Mühe.
Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan
hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es
alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der
Sonne.
Da wandte ich mich, zu betrachten die Weisheit und
die Tollheit und Torheit. Denn was wird der Mensch tun, der nach
dem König kommen wird? Was man schon längst getan hat.
Da sah ich, daß die Weisheit die Torheit übertrifft
wie das Licht die Finsternis;
daß der Weise seine Augen im Kopf hat, aber die
Toren in der Finsternis gehen; und ich merkte doch, daß es
dem einen geht wie dem andern.
Da dachte ich in meinem Herzen: Wenn es denn mir geht wie
dem Toren, warum hab ich dann nach Weisheit getrachtet? Da sprach
ich in meinem Herzen: Auch das ist eitel.
Denn man gedenkt des Weisen nicht für immer,
ebensowenig wie des Toren, und in künftigen Tagen ist alles
vergessen. Wie stirbt doch der Weise samt dem Toren!
Darum verdroß es mich zu leben, denn es war mir
zuwider, was unter der Sonne geschieht, daß alles eitel ist
und Haschen nach Wind.
Und mich verdroß alles, um das ich mich gemüht
hatte unter der Sonne, weil ich es einem Menschen lassen muß,
der nach mir sein wird.
Denn wer weiß, ob er weise oder töricht sein
wird und soll doch herrschen über alles, was ich mit Mühe
und Weisheit geschafft habe unter der Sonne. Das ist auch eitel.
Da wandte ich mich dahin, daß ich mein Herz
verzweifeln ließ an allem, um das ich mich mühte unter
der Sonne.
Denn es muß ein Mensch, der seine Arbeit mit
Weisheit, Verstand und Geschicklichkeit mühsam getan hat, es
einem andern zum Erbteil überlassen, der sich nicht darum
gemüht hat. Das ist auch eitel und ein großes Unglück.
Denn was kriegt der Mensch von aller seiner Mühe und
dem Streben seines Herzens, womit er sich abmüht unter der
Sonne?
Alle seine Tage sind voller Schmerzen, und voll Kummer ist
sein Mühen, daß auch sein Herz des Nachts nicht Ruhe
findet. Das ist auch eitel.
Ist's nun nicht besser für den Menschen, daß
er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinem
Mühen? Doch dies sah ich auch, daß es von Gottes Hand
kommt.
Denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne
ihn?
Denn dem Menschen, der ihm gefällt, gibt er Weisheit,
Verstand und Freude; aber dem Sünder gibt er Mühe, daß
er sammle und häufe und es doch dem gegeben werde, der Gott
gefällt. Auch das ist eitel und Haschen nach Wind.
Alles hat seine Zeit
Kapitel 3
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem
Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat
seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat
seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine
Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine
Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten
hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine
Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat
seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen
Gewinn davon.
Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben
hat, daß sie sich damit plagen.
Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat
er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch
nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang
noch Ende.
Da merkte ich, daß es nichts Besseres dabei gibt als
fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.
Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten
Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
Ich merkte, daß alles, was Gott tut, das
besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das
alles tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll.
Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was
sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt
wieder hervor, was vergangen ist.
Vergänglichkeit des Menschen
Weiter sah ich unter der Sonne: An der Stätte des
Rechts war Gottlosigkeit, und an der Stätte der
Gerechtigkeit war Frevel.
Da sprach ich in meinem Herzen: Gott wird richten den
Gerechten und den Gottlosen; denn alles Vorhaben und alles Tun
hat seine Zeit.
Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der
Menschenkinder, damit Gott sie prüfe und sie sehen, daß
sie selber sind wie das Vieh.
Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt,
so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der
Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel.
Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus
Staub geworden und wird wieder zu Staub.
Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts
fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre?
So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, als daß
ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein
Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, daß er sehe, was
nach ihm geschehen wird?
Bedrückung, Arbeitseifer, Vereinsamung
Kapitel 4
Wiederum sah ich alles Unrecht an, das unter der Sonne
geschieht, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht
litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt
antaten, waren zu mächtig, so daß sie keinen Tröster
hatten.
Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr
als die Lebendigen, die noch das Leben haben.
Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist
und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne geschieht.
Ich sah alles Mühen an und alles geschickte
Tun: da ist nur Eifersucht des einen auf den andern. Das ist auch
eitel und Haschen nach Wind.
Ein Tor legt die Hände ineinander und verzehrt sein
eigenes Fleisch.
Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll
mit Mühe und Haschen nach Wind.
Wiederum sah ich Eitles unter der Sonne:
Da ist einer, der steht allein und hat weder Kind noch
Bruder, doch ist seiner Mühe kein Ende, und seine Augen
können nicht genug Reichtum sehen. Für wen mühe
ich mich denn und gönne mir selber nichts Gutes? Das ist
auch eitel und eine böse Mühe.
So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben
guten Lohn für ihre Mühe.
Fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf.
Weh dem, der allein ist, wenn er fällt! Dann ist kein
anderer da, der ihm aufhilft.
Auch, wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich;
wie kann ein einzelner warm werden?
Einer mag überwältigt werden, aber zwei können
widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht
entzwei.
Volksgunst ist eitel
Ein Knabe, der arm, aber weise ist, ist besser als ein
König, der alt, aber töricht ist und nicht versteht,
sich raten zu lassen.
Denn aus dem Gefängnis ist er auf den Thron gekommen
und war doch arm geboren, als jener noch König war.
Und ich sah alle Lebenden, die unter der Sonne wandelten,
bei dem zweiten Knaben, der an jenes Stelle treten sollte.
Und es war kein Ende des Volks, vor dem er herzog. Und
doch wurden seiner nicht froh, die später kamen. Das ist
auch eitel und Haschen nach Wind.
Warnung vor Unbedachtsamkeit beim Gottesdienst
Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes
gehst, und komm, daß du hörest. Das ist besser,
als wenn die Toren Opfer bringen; denn sie wissen nichts als
Böses zu tun.
Kapitel 5
Sei nicht schnell mit deinem Munde und laß dein Herz
nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und
du auf Erden; darum laß deiner Worte wenig sein.
Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume, und wo
viel Worte sind, da hört man den Toren.
Wenn du Gott ein Gelübde tust, so zögere
nicht, es zu halten; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was
du gelobst, das halte.
Es ist besser, du gelobst nichts, als daß du nicht
hältst, was du gelobst.
Laß nicht zu, daß dein Mund dich in Schuld
bringe, und sprich vor dem Boten Gottes nicht: Es war ein
Versehen. Gott könnte zürnen über deine Worte und
verderben das Werk deiner Hände.
Wo viel Träume sind, da ist Eitelkeit und viel
Gerede; darum fürchte Gott!
Warnung bei offenbarem Unrecht
Siehst du, wie im Lande der Arme Unrecht leidet und Recht
und Gerechtigkeit zum Raub geworden sind, dann wundere dich nicht
darüber; denn ein Hoher schützt den andern, und noch
Höhere sind über beiden.
Aber immer ist ein König, der dafür sorgt, daß
das Feld bebaut wird, ein Gewinn für das Land.
Nichtigkeit des Reichtums
Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt, und wer
Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Das ist auch
eitel.
Denn wo viele Güter sind, da sind viele, die sie
aufessen; und was hat ihr Besitzer mehr davon als das Nachsehen?
Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süß, er habe
wenig oder viel gegessen; aber die Fülle läßt den
Reichen nicht schlafen.
Es ist ein böses Übel, das ich sah unter
der Sonne: Reichtum, wohl verwahrt, wird zum Schaden dem, der ihn
hat.
Denn der Reiche kommt um durch ein böses Geschick,
und wenn er einen Sohn gezeugt hat, dem bleibt nichts in der
Hand.
Wie einer nackt von seiner Mutter Leibe gekommen ist, so
fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und trotz seiner
Mühe nimmt er nichts mit sich in seiner Hand, wenn er
dahinfährt.
Das ist ein böses Übel, daß er dahinfährt,
wie er gekommen ist. Was hilft's ihm denn, daß er in den
Wind gearbeitet hat?
Sein Leben lang hat er im Finstern und in Trauer gesessen,
in großem Grämen und Krankheit und Verdruß.
So habe ich nun das gesehen, daß es gut und
fein sei, wenn man ißt und trinkt und guten Mutes ist bei
allem Mühen, das einer sich macht unter der Sonne in der
kurzen Zeit seines Lebens, die ihm Gott gibt; denn das ist sein
Teil.
Denn wenn Gott einem Menschen Reichtum und Güter gibt
und läßt ihn davon essen und trinken und sein Teil
nehmen und fröhlich sein bei seinem Mühen, so ist das
eine Gottesgabe.
Denn er denkt nicht viel an die Kürze seines Lebens,
weil Gott sein Herz erfreut.
Kapitel 6
Es ist ein Unglück, das ich sah unter der
Sonne, und es liegt schwer auf den Menschen:
Da ist einer, dem Gott Reichtum, Güter und Ehre
gegeben hat, und es mangelt ihm nichts, was sein Herz begehrt;
aber Gott gibt ihm doch nicht Macht, es zu genießen,
sondern ein Fremder verzehrt es. Das ist auch eitel und ein
schlimmes Leiden.
Wenn einer auch hundert Kinder zeugte und hätte ein
so langes Leben, daß er sehr alt würde, aber er
genösse das Gute nicht und bliebe ohne Grab, von dem sage
ich: Eine Fehlgeburt hat es besser als er.
Denn sie kommt ohne Leben, und in Finsternis fährt
sie dahin, und ihr Name bleibt von Finsternis bedeckt,
auch hat sie die Sonne nicht gesehen noch gekannt; so hat
sie mehr Ruhe als jener.
Und ob er auch zweitausend Jahre lebte und hätte
nichts Gutes genossen: fährt nicht alles dahin an einen
Ort?
Alles Mühen des Menschen ist für seinen
Mund, aber sein Verlangen bleibt ungestillt.
Denn was hat ein Weiser dem Toren voraus? Was hilft's dem
Armen, daß er versteht, unter den Lebenden zu wandeln?
Es ist besser, zu gebrauchen, was vor Augen ist, als nach
anderm zu verlangen. Das ist auch eitel und Haschen nach Wind.
Der Mensch hat keine Macht über sein Leben
Was da ist, ist längst mit Namen genannt, und
bestimmt ist, was ein Mensch sein wird. Darum kann er nicht
hadern mit dem, der ihm zu mächtig ist.
Denn je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit; was hat der
Mensch davon?
° Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich
ist im Leben, in seinen kurzen, eitlen Tagen, die er verbringt
wie einen Schatten? Oder wer will dem Menschen sagen, was nach
ihm kommen wird unter der Sonne?
Von der wahren Weisheit
Kapitel 7
° Ein guter Ruf ist besser als gute Salbe und der Tag
des Todes besser als der Tag der Geburt.
Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als
in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller
Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen!
Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das
Herz gebessert.
Das Herz der Weisen ist dort, wo man trauert, aber das
Herz der Toren dort, wo man sich freut.
Es ist besser, das Schelten des Weisen zu hören als
den Gesang der Toren.
Denn wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen, so
ist das Lachen der Toren; auch das ist eitel.
Unrechter Gewinn macht den Weisen zum Toren, und
Bestechung verdirbt das Herz.
Der Ausgang einer Sache ist besser als ihr Anfang. Ein
Geduldiger ist besser als ein Hochmütiger.
Sei nicht schnell, dich zu ärgern; denn Ärger
ruht im Herzen des Toren.
Sprich nicht: Wie kommt's, daß die früheren
Tage besser waren als diese? Denn du fragst das nicht in
Weisheit.
Weisheit ist gut mit einem Erbgut und hilft denen, die die
Sonne sehen.
Denn wie Geld beschirmt, so beschirmt auch Weisheit; aber
die Weisheit erhält das Leben dem, der sie hat.
Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade
machen, was er krümmt?
Am guten Tage sei guter Dinge, und am bösen Tag
bedenke: diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch
nicht wissen soll, was künftig ist.
Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines
eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner
Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner
Bosheit.
Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du
dich nicht zugrunde richtest.
Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht
sterbest vor deiner Zeit.
Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch
jenes nicht aus der Hand läßt; denn wer Gott fürchtet,
der entgeht dem allen.
Die Weisheit macht den Weisen stärker als zehn
Gewaltige, die in der Stadt sind.
Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, daß er
nur Gutes tue und nicht sündige.
Nimm auch nicht zu Herzen alles, was man sagt, daß
du nicht hören müssest, wie dein Knecht dir flucht;
denn dein Herz weiß, daß du andern auch
oftmals geflucht hast.
Das alles hab ich versucht mit der Weisheit. Ich
dachte, ich will weise werden, sie blieb aber ferne von mir.
Alles, was da ist, das ist fern und ist sehr tief; wer
will's finden?
Ich richtete meinen Sinn darauf, zu erfahren und zu
erforschen und zu suchen Weisheit und Einsicht, zu erkennen, daß
Gottlosigkeit Torheit ist und Narrheit Tollheit.
Und ich fand, bitterer als der Tod sei ein Weib, das ein
Fangnetz ist und Stricke ihr Herz und Fesseln ihre Hände.
Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder
wird durch sie gefangen.
Schau, das habe ich gefunden, spricht der Prediger, eins
nach dem andern, daß ich Erkenntnis fände.
Und ich suchte immerfort und hab's nicht gefunden: unter
tausend habe ich einen Mann gefunden, aber ein Weib hab
ich unter allen nicht gefunden.
Schau, allein das hab ich gefunden: Gott hat den Menschen
aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste.
Kapitel 8
Wer ist wie der Weise, und wer versteht etwas zu deuten?
Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht; aber ein
freches Angesicht wird gehaßt.
Das Unrecht in der Welt und das verborgene Walten Gottes
Achte auf das Wort des Königs; aber wenn du einen Eid
bei Gott leisten sollst,
so übereile dich nicht! Geh von seinem Angesicht weg
und halte dich nicht zu einer bösen Sache; denn er tut
alles, was er will.
In des Königs Wort ist Gewalt, und wer darf zu ihm
sagen: Was machst du?
Wer das Gebot hält, der will nichts von einer bösen
Sache wissen; denn des Weisen Herz weiß um Zeit und
Gericht.
Denn jedes Vorhaben hat seine Zeit und sein Gericht, und
des Menschen Bosheit liegt schwer auf ihm.
Denn er weiß nicht, was geschehen wird, und wer will
ihm sagen, wie es werden wird?
Der Mensch hat keine Macht, den Wind aufzuhalten, und hat
keine Macht über den Tag des Todes, und keiner bleibt
verschont im Krieg, und das gottlose Treiben rettet den Gottlosen
nicht.
Das alles hab ich gesehen und richtete mein Herz auf alles
Tun, das unter der Sonne geschieht zur Zeit, da ein Mensch
herrscht über den andern zu seinem Unglück.
Und weiter sah ich Gottlose, die begraben wurden
und zur Ruhe kamen; aber die recht getan hatten, mußten
hinweg von heiliger Stätte und wurden vergessen in der
Stadt. Das ist auch eitel.
Weil das Urteil über böses Tun nicht
sogleich ergeht, wird das Herz der Menschen voll Begier, Böses
zu tun.
Wenn ein Sünder auch hundertmal Böses tut und
lange lebt, so weiß ich doch, daß es wohlgehen wird
denen, die Gott fürchten, die sein Angesicht scheuen.
Aber dem Gottlosen wird es nicht wohlgehen, und wie ein
Schatten werden nicht lange leben, die sich vor Gott nicht
fürchten.
Es ist eitel, was auf Erden geschieht: es gibt
Gerechte, denen geht es, als hätten sie Werke der Gottlosen
getan, und es gibt Gottlose, denen geht es, als hätten sie
Werke der Gerechten getan. Ich sprach: Das ist auch eitel.
Darum pries ich die Freude, daß der Mensch nichts
Besseres hat unter der Sonne, als zu essen und zu trinken und
fröhlich zu sein. Das bleibt ihm bei seinem Mühen sein
Leben lang, das Gott ihm gibt unter der Sonne.
Ich richtete mein Herz darauf, zu erkennen die
Weisheit und zu schauen die Mühe, die auf Erden geschieht,
daß einer weder Tag noch Nacht Schlaf bekommt in seine
Augen.
Und ich sah alles Tun Gottes, daß ein Mensch das Tun
nicht ergründen kann, das unter der Sonne geschieht. Und je
mehr der Mensch sich müht, zu suchen, desto weniger findet
er. Und auch wenn der Weise meint: «Ich weiß es»,
so kann er's doch nicht finden.
Aufruf zur Freude trotz der Eitelkeit des Lebens
Kapitel 9
Denn ich habe das alles zu Herzen genommen, um dies zu
erforschen: Gerechte und Weise und ihr Tun sind in Gottes Hand.
Auch über Liebe und Haß bestimmt der Mensch nicht;
alles ist vor ihm festgelegt.
Es begegnet dasselbe dem einen wie dem andern: dem
Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie dem
Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert. Wie es dem
Guten geht, so geht's auch dem Sünder. Wie es dem geht, der
schwört, so geht's auch dem, der den Eid scheut.
Das ist das Unglück bei allem, was unter der Sonne
geschieht, daß es dem einen geht wie dem andern. Und dazu
ist das Herz der Menschen voll Bosheit, und Torheit ist in ihrem
Herzen, solange sie leben; danach müssen sie sterben.
Denn wer noch bei den Lebenden weilt, der hat Hoffnung;
denn ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe.
Denn die Lebenden wissen, daß sie sterben werden,
die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr,
denn ihr Andenken ist vergessen.
Ihr Lieben und ihr Hassen und ihr Eifern ist längst
dahin; sie haben kein Teil mehr auf der Welt an allem, was unter
der Sonne geschieht.
So geh hin und iß dein Brot mit Freuden,
trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott
schon längst gefallen.
Laß deine Kleider immer weiß sein und laß
deinem Haupte Salbe nicht mangeln.
Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du liebhast,
solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne
gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe,
mit der du dich mühst unter der Sonne.
Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit
deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst,
gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.
Wertlosigkeit der Weisheit
Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht: zum
Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark
sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft
nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht,
daß er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und
Glück.
Auch weiß der Mensch seine Zeit nicht, sondern wie
die Fische gefangen werden mit dem verderblichen Netz und wie die
Vögel mit dem Garn gefangen werden, so werden auch die
Menschen verstrickt zur bösen Zeit, wenn sie plötzlich
über sie fällt.
Ich habe unter der Sonne auch diese Weisheit
gesehen, die mich groß dünkte:
da war eine kleine Stadt und wenig Männer darin, und
es kam ein großer König, der belagerte sie und baute
große Bollwerke gegen sie.
Und es fand sich darin ein armer, weiser Mann, der hätte
die Stadt retten können durch seine Weisheit; aber kein
Mensch dachte an diesen armen Mann.
Da sprach ich: Weisheit ist zwar besser als Stärke,
doch des Armen Weisheit wird verachtet und auf seine Worte hört
man nicht.
Der Weisen Worte, in Ruhe vernommen, sind besser als des
Herrschers Schreien unter den Törichten.
Weisheit ist besser als Kriegswaffen; aber ein einziger
Bösewicht verdirbt viel Gutes.
Über Weisheit und Torheit
Kapitel 10
Tote Fliegen verderben gute Salben. Ein wenig Torheit
wiegt schwerer als Weisheit und Ehre.
Des Weisen Herz ist zu seiner Rechten, aber des Toren Herz
ist zu seiner Linken.
Auch wenn der Tor auf der Straße geht, fehlt es ihm
an Verstand, doch er hält jeden andern für einen Toren.
Wenn des Herrschers Zorn wider dich ergeht, so
verlaß deine Stätte nicht; denn Gelassenheit wendet
großes Unheil ab.
Dies ist ein Unglück, das ich sah unter der Sonne,
gleich einem Versehen, das vom Gewaltigen ausgeht:
ein Tor sitzt in großer Würde, und Reiche
müssen in Niedrigkeit sitzen.
Ich sah Knechte auf Rossen und Fürsten zu Fuß
gehen wie Knechte.
Wer eine Grube gräbt, der kann selbst
hineinfallen, und wer eine Mauer einreißt, den kann eine
Schlange beißen.
Wer Steine bricht, der kann sich dabei wehe tun, und wer
Holz spaltet, der kann dabei verletzt werden.
Wenn ein Eisen stumpf wird und an der Schneide
ungeschliffen bleibt, muß man mit ganzer Kraft arbeiten.
Aber Weisheit bringt Vorteil und Gewinn.
Wenn die Schlange beißt vor der Beschwörung, so
hat der Beschwörer keinen Vorteil.
Die Worte aus dem Munde des Weisen bringen ihm
Gunst; aber des Toren Lippen verschlingen ihn selber.
Der Anfang seiner Worte ist Narrheit und das Ende
verderbliche Torheit.
Der Tor macht viele Worte; aber der Mensch weiß
nicht, was sein wird, und wer will ihm sagen, was nach ihm werden
wird?
Die Arbeit ermüdet den Toren, der nicht einmal weiß,
in die Stadt zu gehen.
Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist und
dessen Fürsten schon in der Frühe tafeln!
Wohl dir, Land, dessen König ein Edler ist und dessen
Fürsten zur rechten Zeit tafeln als ehrbare Männer und
nicht als Zecher.
Durch Faulheit sinken die Balken, und durch lässige
Hände tropft es im Haus.
Man hält Mahlzeiten, um zu lachen, und der
Wein erfreut das Leben, und das Geld muß alles zuwege
bringen.
Fluche dem König auch nicht in Gedanken und
fluche dem Reichen auch nicht in deiner Schlafkammer; denn die
Vögel des Himmels tragen die Stimme fort, und die Fittiche
haben, sagen's weiter.
Berechne nicht die Zukunft, sondern nütze den Tag!
Kapitel 11
Laß dein Brot über das Wasser fahren; denn du
wirst es finden nach langer Zeit.
Verteil es unter sieben oder unter acht; denn du weißt
nicht, was für Unglück auf Erden kommen wird.
Wenn die Wolken voll sind, so geben sie Regen auf
die Erde, und wenn der Baum fällt – er falle nach
Süden oder Norden zu -, wohin er fällt, da bleibt er
liegen.
Wer auf den Wind achtet, der sät nicht, und wer auf
die Wolken sieht, der erntet nicht.
Gleichwie du nicht weißt, welchen Weg der Wind nimmt
und wie die Gebeine im Mutterleibe bereitet werden, so kannst du
auch Gottes Tun nicht wissen, der alles wirkt.
Am Morgen säe deinen Samen, und laß deine Hand
bis zum Abend nicht ruhen; denn du weißt nicht, was geraten
wird, ob dies oder das, oder ob beides miteinander gut gerät.
Es ist das Licht süß, und den Augen lieblich,
die Sonne zu sehen.
Denn wenn ein Mensch viele Jahre lebt, so sei er fröhlich
in ihnen allen und denke an die finstern Tage, daß es viele
sein werden; denn alles, was kommt, ist eitel.
Freue dich deiner Jugend, ehe Alter und Tod kommen!
So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laß
dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein
Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; aber wisse, daß
dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.
Laß den Unmut fern sein von deinem Herzen und halte
fern das Übel von deinem Leibe; denn Kindheit und Jugend
sind eitel.
Kapitel 12
Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe
die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst
sagen: «Sie gefallen mir nicht»;
ehe die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster
werden und Wolken wiederkommen nach dem Regen, -
* zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die
Starken sich krümmen und müßig stehen die
Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, und wenn
finster werden, die durch die Fenster sehen,
*Bilder für das Altern der
Menschen.
und wenn die Türen an der Gasse sich schließen,
daß die Stimme der Mühle leiser wird, und wenn sie
sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des
Gesanges sich neigen;
wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich
ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und
die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn
der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die
Klageleute gehen umher auf der Gasse; -
ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene
Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das
Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.
Denn der Staub muß wieder zur Erde kommen, wie er
gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.
Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger, ganz eitel.
Nachwort über den Prediger
Es bleibt noch übrig zu sagen: Der Prediger war ein
Weiser und lehrte auch das Volk gute Lehre, und er erwog und
forschte und dichtete viele Sprüche.
Er suchte, daß er fände angenehme Worte und
schriebe recht die Worte der Wahrheit.
Die Worte der Weisen sind wie Stacheln, und wie
eingeschlagene Nägel sind die einzelnen Sprüche; sie
sind von einem Hirten gegeben.
Und über dem allen, mein Sohn, laß dich
warnen; denn des vielen Büchermachens ist kein Ende, und
viel Studieren macht den Leib müde.
Laßt uns die Hauptsumme aller Lehre hören:
Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gilt für
alle Menschen.
Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, alles,
was verborgen ist, es sei gut oder böse.
DAS
HOHELIED SALOMOS
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