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DAS BUCH HIOB

Kapitel 28 - 42







Das Lied von der Weisheit Gottes

Kapitel 28

  1. Es hat das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort, wo man es läutert.

  2. Eisen bringt man aus der Erde, und aus dem Gestein schmilzt man Kupfer.

  3. Man macht der Finsternis ein Ende, und bis ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt.

  4. Man bricht einen Schacht fern von da, wo man wohnt; vergessen, ohne Halt für den Fuß, hängen und schweben sie, fern von den Menschen.

  5. Man zerwühlt wie Feuer unten die Erde, auf der doch oben das Brot wächst.

  6. Man findet Saphir in ihrem Gestein, und es birgt Goldstaub.

  7. Den Steig dahin hat kein Geier erkannt und kein Falkenauge gesehen.

  8. Das stolze Wild hat ihn nicht betreten, und kein Löwe ist darauf gegangen.

  9. Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um.

  10. Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge.

  11. Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht.

  12. Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

  13. Niemand weiß, was sie wert ist, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen.

  14. Die Tiefe spricht: «In mir ist sie nicht»; und das Meer spricht: «Bei mir ist sie auch nicht.»

  15. Man kann nicht Gold für sie geben noch Silber darwägen, sie zu bezahlen.

  16. Ihr gleicht nicht Gold von Ophir oder kostbarer Onyx und Saphir.

  17. Gold und edles Glas kann man ihr nicht gleichachten noch sie eintauschen um güldnes Kleinod.

  18. Korallen und Kristall achtet man gegen sie nicht; wer Weisheit erwirbt, hat mehr als Perlen.

  19. Topas aus Kusch wird ihr nicht gleich geschätzt, und das reinste Gold wiegt sie nicht auf.

  20. Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

  21. Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel.

  22. Der Abgrund und der Tod sprechen: «Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört.»

  23. Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte.

  24. Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was unter dem Himmel ist.

  25. Als er dem Wind sein Gewicht gegeben und dem Wasser sein Maß gesetzt,

  26. als er dem Regen ein Gesetz gegeben hat und dem Blitz und Donner den Weg:

  27. damals schon sah er sie und verkündigte sie, bereitete sie und ergründete sie

  28. und sprach zum Menschen: Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.

Hiobs früheres Glück

Kapitel 29

  1. Und Hiob hob abermals an mit seinem Spruch und sprach:

  2. O daß ich wäre wie in den früheren Monden, in den Tagen, da Gott mich behütete,

  3. da seine Leuchte über meinem Haupt schien und ich bei seinem Licht durch die Finsternis ging!

  4. Wie war ich in der Blüte meines Lebens, als Gottes Freundschaft über meiner Hütte war,

  5. als der Allmächtige noch mit mir war und meine Kinder um mich her,

  6. als ich meine Tritte wusch in Milch und die Felsen Ölbäche ergossen!

  7. Wenn ich ausging zum Tor der Stadt und meinen Platz auf dem Markt einnahm,

  8. dann sahen mich die Jungen und verbargen sich scheu, und die Alten standen vor mir auf,

  9. die Oberen hörten auf zu reden und legten ihre Hand auf ihren Mund,

  10. die Fürsten hielten ihre Stimme zurück, und ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen.

  11. Denn wessen Ohr mich hörte, der pries mich glücklich, und wessen Auge mich sah, der rühmte mich.

  12. Denn ich errettete den Armen, der da schrie, und die Waise, die keinen Helfer hatte.

  13. Der Segen des Verlassenen kam über mich, und ich erfreute das Herz der Witwe.

  14. Gerechtigkeit war mein Kleid, das ich anzog, und mein Recht war mir Mantel und Kopfbund.

  15. Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß.

  16. Ich war ein Vater der Armen, und der Sache des Unbekannten nahm ich mich an.

  17. Ich zerbrach die Kinnbacken des Ungerechten und riß ihm den Raub aus den Zähnen.

  18. Ich dachte: Ich werde in meinem Nest verscheiden und meine Tage so zahlreich machen wie Sand am Meer;

  19. meine Wurzel reiche zum Wasser hin, und der Tau bleibe auf meinen Zweigen;

  20. meine Ehre bleibe immer frisch bei mir, und mein Bogen sei immer stark in meiner Hand.

  21. Sie hörten mir zu und schwiegen und warteten auf meinen Rat.

  22. Nach meinen Worten redete niemand mehr, und meine Rede troff auf sie nieder.

  23. Sie warteten auf mich wie auf den Regen und sperrten ihren Mund auf wie nach Spätregen.

  24. Wenn ich ihnen zulachte, so faßten sie Vertrauen, und das Licht meines Angesichts tröstete die Trauernden.

  25. Wenn ich zu ihnen kommen wollte, so mußte ich obenan sitzen und thronte wie ein König unter der Schar.

Hiobs jetziges Unglück

Kapitel 30

  1. Jetzt aber verlachen mich, die jünger sind als ich, deren Väter ich nicht wert geachtet hätte, sie zu meinen Hunden bei der Herde zu stellen,

  2. deren Stärke ich für nichts hielt, denen die Kraft dahinschwand;

  3. die vor Hunger und Mangel erschöpft sind, die das dürre Land abnagen, die Wüste und Einöde;

  4. die da Melde sammeln bei den Büschen, und Ginsterwurzel ist ihre Speise.

  5. Aus der Menschen Mitte werden sie weggetrieben; man schreit ihnen nach wie einem Dieb;

  6. an den Hängen der Täler wohnen sie, in den Löchern der Erde und in Steinklüften;

  7. zwischen den Büschen schreien sie, und unter den Disteln sammeln sie sich -

  8. gottloses Volk und Leute ohne Namen, die man aus dem Lande weggejagt hatte.

  9. Jetzt bin ich ihr Spottlied geworden und muß ihnen zum Gerede dienen.

  10. Sie verabscheuen mich und halten sich ferne von mir und scheuen sich nicht, vor meinem Angesicht auszuspeien.

  11. Er hat mein Seil gelöst und mich gedemütigt und den Zaum weggetan, an dem er mich hielt.

  12. Zur Rechten hat sich eine Schar gegen mich erhoben, sie haben meinen Fuß weggestoßen und haben gegen mich Wege angelegt, mich zu verderben.

  13. Sie haben meine Pfade aufgerissen, zu meinem Fall helfen sie; keiner gebietet ihnen Einhalt.

  14. Sie kommen wie durch eine breite Bresche herein, wälzen sich unter den Trümmern heran.

  15. Schrecken hat sich gegen mich gekehrt und hat verjagt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine Wolke zog mein Glück vorbei.

  16. Jetzt aber zerfließt meine Seele in mir, und Tage des Elends haben mich ergriffen.

  17. Des Nachts bohrt es in meinem Gebein, und die Schmerzen, die an mir nagen, schlafen nicht.

  18. Mit aller Gewalt wird mein Kleid entstellt, wie der Kragen meines Hemdes würgt es mich.

  19. Man hat mich in den Dreck geworfen, daß ich gleich bin dem Staub und der Asche.

  20. Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich.

  21. Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand.

  22. Du hebst mich auf und läßt mich auf dem Winde dahinfahren und vergehen im Sturm.

  23. Denn ich weiß, du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen.

  24. Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?

  25. Ich weinte ja über die harte Zeit, und meine Seele grämte sich über das Elend.

  26. Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.

  27. In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

  28. Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

  29. Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

  30. Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine sind verdorrt vor hitzigem Fieber.

  31. Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden, und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

Hiobs Reinigungseid und Appell an Gott

Kapitel 31

  1. Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau.

  2. Was gäbe sonst mir Gott als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige aus der Höhe?

  3. Wäre es nicht Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter?

  4. Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?

  5. Bin ich gewandelt in Falschheit, oder ist mein Fuß geeilt zum Betrug?

  6. Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld!

  7. Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen,

  8. so will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und was mir gewachsen ist, soll entwurzelt werden.

  9. Hat sich mein Herz betören lassen um eines Weibes willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert,

  10. so soll mein Weib einem andern mahlen, und andere sollen sich über sie beugen.

  11. Denn das ist eine Schandtat und eine Schuld, die vor die Richter gehört.

  12. Ja, das ist ein Feuer, das bis in den Abgrund frißt und all meine Habe bis auf die Wurzel vernichtet.

  13. Hab ich mißachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten,

  14. was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er nachforscht?

  15. Hat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

  16. Hab ich den Bedürftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen?

  17. Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen?

  18. Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet.

  19. Hab ich zugesehen, wie jemand ohne Kleid verkommen ist, und den Armen ohne Decke gehen lassen?

  20. Hat er mich nicht gesegnet, wenn er von der Wolle meiner Lämmer erwärmt wurde?

  21. Hab ich meine Hand gegen eine Waise erhoben, weil ich sah, daß ich im Tor Helfer hatte,

  22. so falle meine Schulter vom Nacken und mein Arm breche aus dem Gelenk!

  23. Denn ich müßte Gottes Strafe über mich fürchten und könnte seine Hoheit nicht ertragen.

  24. Hab ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht und zum Feingold gesagt: «Mein Trost»?

  25. Hab ich mich gefreut, daß ich großes Gut besaß und meine Hand so viel erworben hatte?

  26. Hab ich das Licht angesehen, wenn es hell leuchtete, und den Mond, wenn er herrlich dahinzog,

  27. daß mich mein Herz heimlich betört hätte, ihnen Küsse zuzuwerfen mit meiner Hand?

  28. Das wäre auch eine Missetat, die vor die Richter gehört; denn damit hätte ich verleugnet Gott in der Höhe.

  29. Hab ich mich gefreut, wenn's meinem Feinde übel ging, und mich erhoben, weil ihn Unglück getroffen hatte?

  30. Nein, ich ließ meinen Mund nicht sündigen, daß ich verwünschte mit einem Fluch seine Seele.

  31. Haben nicht die Männer in meinem Zelt sagen müssen: «Wo ist einer, der nicht satt geworden wäre von seinem Fleisch?»

  32. Kein Fremder durfte draußen zur Nacht bleiben, sondern meine Tür tat ich dem Wanderer auf.

  33. Hab ich meine Übertretungen, wie Menschen tun, zugedeckt, um heimlich meine Schuld zu verbergen,

  34. weil ich mir grauen ließ vor der großen Menge und die Verachtung der Sippen mich abgeschreckt hat, so daß ich still blieb und nicht zur Tür hinausging?

  1. * Hat mein Acker wider mich geschrien und haben miteinander seine Furchen geweint,

    Der Zusammenhang erfordert die hier vorgenommene Umstellung der Verse.

  1. hab ich seine Früchte unbezahlt gegessen und seinen Ackerleuten das Leben sauer gemacht,

  2. a * so sollen mir Disteln wachsen statt Weizen und Unkraut statt Gerste.

  1. O hätte ich einen, der mich anhört – hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir! -, oder die Schrift, die mein Verkläger geschrieben!

  2. Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen.

  3. Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.

  1. b * Die Worte Hiobs haben ein Ende.

DIE REDEN DES ELIHU (Kapitel 32 – 37)

Elihus erste Rede

Kapitel 32

  1. Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

  2. Aber Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil er sich selber für gerechter hielt als Gott.

  3. Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und doch Hiob verdammten.

  4. Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er.

  5. Als Elihu nun sah, daß keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig.

  6. Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach: Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun.

  7. Ich dachte: Laß das Alter reden, und die Menge der Jahre laß Weisheit beweisen.

  8. Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht.

  9. Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist.

  10. Darum sage ich: Hört mir zu; auch ich will mein Wissen kundtun.

  11. Siehe, ich habe gewartet, bis ihr geredet hattet; ich habe aufgemerkt auf eure Einsicht, bis ihr die rechten Worte treffen würdet,

  12. und habe achtgehabt auf euch; aber siehe, da war keiner unter euch, der Hiob zurechtwies oder seiner Rede antwortete.

  13. Sagt nur nicht: «Wir haben Weisheit gefunden; Gott muß ihn schlagen und nicht ein Mensch.»

  14. Mich haben seine Worte nicht getroffen, und mit euren Reden will ich ihm nicht antworten.

  15. Ach! Betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen.

  16. Und da soll ich warten, weil sie nicht mehr reden, weil sie dastehen und nicht mehr antworten?

  17. Auch ich will mein Teil antworten und will mein Wissen kundtun!

  18. Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt.

  19. Siehe, mein Inneres ist wie der Most, den man nicht herausläßt und der die neuen Schläuche zerreißt.

  20. Ich muß reden, daß ich mir Luft mache, ich muß meine Lippen auftun und antworten.

  21. Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten, und ich will keinem Menschen schmeicheln.

  22. Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; sonst würde mich mein Schöpfer bald dahinraffen.

Kapitel 33

  1. Höre doch, Hiob, meine Rede und merke auf alle meine Worte!

  2. Siehe, ich tue meinen Mund auf, und meine Zunge redet in meinem Munde.

  3. Mein Herz spricht aufrichtige Worte, und meine Lippen reden lautere Erkenntnis.

  4. Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben.

  5. Kannst du, so antworte mir; rüste dich gegen mich und stelle dich.

  6. Siehe, vor Gott bin ich wie du, und aus Erde bin auch ich gemacht.

  7. Siehe, du brauchst vor mir nicht zu erschrecken, und mein Drängen soll nicht auf dir lasten.

  8. Du hast geredet vor meinen Ohren, den Ton deiner Reden höre ich noch:

  9. «Ich bin rein, ohne Missetat, unschuldig und habe keine Sünde.

  10. Siehe, Gott erfindet Vorwürfe wider mich, er betrachtet mich als seinen Feind;

  11. er hat meine Füße in den Block gelegt und hat acht auf alle meine Wege.»

  12. Siehe, darin hast du nicht recht, muß ich dir antworten; denn Gott ist mehr als ein Mensch.

  13. Warum willst du mit ihm hadern, weil er auf Menschenworte nicht Antwort gibt?

  14. Denn auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man's nicht.

  15. Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett,

  16. da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie,

  17. damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge

  18. und bewahre seine Seele vor dem Verderben und sein Leben vor des Todes Geschoß.

  19. Auch warnt er ihn durch Schmerzen auf seinem Bett und durch heftigen Kampf in seinen Gliedern

  20. und richtet ihm sein Leben so zu, daß ihm vor der Speise ekelt, und seine Seele, daß sie nicht Lust hat zu essen.

  21. Sein Fleisch schwindet dahin, daß man's nicht ansehen kann, und seine Knochen stehen heraus, daß man lieber wegsieht;

  22. so nähert er sich der Grube und sein Leben den Toten.

  23. Kommt dann zu ihm ein Engel, ein Mittler, einer aus tausend, kundzutun dem Menschen, was für ihn recht ist,

  24. so wird er ihm gnädig sein und sagen: «Erlöse ihn, daß er nicht hinunterfahre zu den Toten; denn ich habe ein Lösegeld gefunden.

  25. Sein Fleisch blühe wieder wie in der Jugend, und er soll wieder jung werden.»

  26. Er wird Gott bitten, und der wird ihm Gnade erweisen und wird ihn sein Antlitz sehen lassen mit Freuden und wird dem Menschen seine Gerechtigkeit zurückgeben.

  27. Er wird vor den Leuten lobsingen und sagen: «Ich hatte gesündigt und das Recht verkehrt, aber es ist mir nicht vergolten worden.

  28. Gott hat mich erlöst, daß ich nicht hinfahre zu den Toten, sondern mein Leben das Licht sieht.»

  29. Siehe, das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit einem jeden,

  30. daß er sein Leben zurückhole von den Toten und erleuchte ihn mit dem Licht der Lebendigen.

  31. Merk auf, Hiob, und höre mir zu und schweige, damit ich reden kann!

  32. Hast du aber etwas zu sagen, so antworte mir. Sage an, ich will dir gern recht geben!

  33. Hast du aber nichts, so höre mir zu und schweige; ich will dich Weisheit lehren.

Elihus zweite Rede

Kapitel 34

  1. Und Elihu hob an und sprach:

  2. Höret, ihr Weisen, meine Rede, und ihr Verständigen, merkt auf mich!

  3. Denn das Ohr prüft die Rede, wie der Gaumen die Speise schmeckt.

  4. Laßt uns ein Urteil finden, daß wir miteinander erkennen, was gut ist.

  5. Denn Hiob hat gesagt: «Ich bin gerecht, doch Gott verweigert mir mein Recht;

  6. ich soll lügen, obwohl ich recht habe, und mich quält der Pfeil, der mich traf, obwohl ich doch ohne Schuld bin.»

  7. Wo ist so ein Mann wie Hiob, der Hohn trinkt wie Wasser

  8. und auf dem Wege geht mit den Übeltätern und wandelt mit den gottlosen Leuten?

  9. Denn er hat gesagt: «Es nützt dem Menschen nichts, wenn er Gottes Wohlgefallen sucht.»

  10. Darum hört mir zu, ihr weisen Männer: Es sei ferne, daß Gott sollte gottlos handeln und der Allmächtige ungerecht;

  11. sondern er vergilt dem Menschen, wie er verdient hat, und trifft einen jeden nach seinem Tun.

  12. Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht. -

  13. Wer hat ihm die Erde anvertraut? Und wer hat den ganzen Erdkreis hingestellt?

  14. Wenn er nur an sich dächte, seinen Geist und Odem an sich zöge,

  15. so würde alles Fleisch miteinander vergehen, und der Mensch würde wieder zu Staub werden.

  16. Hast du nun Verstand, so höre das und merke auf die Stimme meiner Reden!

  17. Kann denn regieren, wer das Recht hasset? Oder willst du den verdammen, der gerecht und allmächtig ist,

  18. der zum König sagt: «Du heilloser Mann» und zu den Fürsten: «Ihr Gottlosen»,

  19. der nicht ansieht die Person der Fürsten und achtet den Vornehmen nicht mehr als den Armen? Denn sie sind alle seiner Hände Werk.

  20. Plötzlich müssen die Leute sterben und zu Mitternacht erschrecken und vergehen; die Mächtigen werden weggenommen ohne Menschenhand.

  21. Denn seine Augen sehen auf eines jeden Weg, und er schaut auf alle ihre Schritte.

  22. Es gibt keine Finsternis und kein Dunkel, wo sich verbergen könnten die Übeltäter.

  23. Denn es wird niemand gesagt, wann er vor Gott zum Gericht erscheinen muß.

  24. Er bringt die Stolzen um, ohne sie erst zu verhören, und stellt andere an ihre Stelle;

  25. denn er kennt ihre Werke, und er stürzt sie des Nachts, daß sie zerschlagen werden.

  26. Er urteilt sie ab wie die Gottlosen an einem Ort, wo viele es sehen,

  27. weil sie von ihm gewichen sind und verstanden keinen seiner Wege,

  28. so daß das Schreien der Armen vor ihn kommen mußte und er das Schreien der Elenden hörte.

  29. - Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen? Und wenn er das Antlitz verbirgt, wer kann ihn schauen unter allen Völkern und Leuten? -

  30. So läßt er denn nicht einen Gottlosen regieren, der ein Fallstrick ist für das Volk.

  31. Wenn einer zu Gott sagt: «Ich hab's getragen*, ich will kein Unrecht mehr tun.

    *Bisherige Lutherbibel: Ich habe gebüßt. Anderer Vorschlag: Ich habe geirrt.

  32. Was ich nicht sehe, das lehre du mich; hab ich unrecht gehandelt, ich will's nicht mehr tun»,

  33. soll er dann nach deinem Sinn vergelten, weil du ja widerrufen hast? Denn du hast zu wählen und nicht ich, und was du erkannt, sage an!

  34. Verständige Leute werden zu mir sagen und ein weiser Mann, der mir zuhört:

  35. «Hiob redet mit Unverstand, und seine Worte sind nicht klug.»

  36. O, Hiob sollte bis zum Äußersten geprüft werden, weil er Antworten gibt wie freche Sünder.

  37. Denn zu seiner Sünde fügt er noch Frevel hinzu. Er treibt Spott unter uns und macht viele Worte wider Gott.

Elihus dritte Rede

Kapitel 35

  1. Und Elihu hob an und sprach:

  2. Hältst du das für recht, nennst du das «meine Gerechtigkeit vor Gott»,

  3. daß du sprichst: «Was nützt sie mir? Was habe ich davon, daß ich nicht sündige?»

  4. Ich will dir antworten ein Wort und deinen Freunden mit dir.

  5. Schau gen Himmel und sieh; und schau die Wolken an hoch über dir!

  6. Sündigst du, was kannst du ihm schaden? Und wenn deine Missetaten viel sind, was kannst du ihm tun?

  7. Und wenn du gerecht wärst, was kannst du ihm geben, oder was wird er von deinen Händen nehmen?

  8. Nur einem Menschen wie dir kann deine Bosheit etwas tun und einem Menschenkind deine Gerechtigkeit.

  9. Man schreit, daß viel Gewalt geschieht, und ruft um Hilfe vor dem Arm der Großen;

  10. aber man fragt nicht: «Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht,

  11. der uns klüger macht als die Tiere auf Erden und weiser als die Vögel unter dem Himmel?»

  12. Da schreien sie über den Hochmut der Bösen, doch er erhört sie nicht.

  13. Denn Gott wird Nichtiges nicht erhören, und der Allmächtige wird es nicht ansehen.

  14. Nun gar, wenn du sprichst, du könntest ihn nicht sehen – der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner!

  15. Aber nun, da sein Zorn nicht heimsucht und er sich um Frevel nicht viel kümmert,

  16. sperrt Hiob seinen Mund auf um nichts und hält stolze Reden mit Unverstand.

Elihus letzte Rede

Kapitel 36

  1. Elihu hob noch einmal an und sprach:

  2. Warte noch ein wenig, ich will dich lehren; denn ich habe noch etwas für Gott zu sagen.

  3. Ich will mein Wissen weit herholen und meinem Schöpfer Recht verschaffen.

  4. Meine Reden sind wahrlich nicht falsch; vor dir steht einer, der es wirklich weiß.

  5. Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand; er ist mächtig an Kraft des Herzens.

  6. Den Gottlosen erhält er nicht am Leben, sondern hilft dem Elenden zum Recht.

  7. Er wendet seine Augen nicht von dem Gerechten, sondern mit Königen auf dem Thron läßt er sie sitzen immerdar, daß sie groß werden.

  8. Und wenn sie gefangen liegen in Ketten und elend, gebunden mit Stricken,

  9. so hält er ihnen vor, was sie getan haben, und ihre Sünden, daß sie sich überhoben haben,

  10. und öffnet ihnen das Ohr zur Warnung und sagt ihnen, daß sie sich von dem Unrecht bekehren sollen.

  11. Gehorchen sie und dienen ihm, so werden sie bei guten Tagen alt werden und glücklich leben.

  12. Gehorchen sie nicht, so werden sie dahinfahren durch des Todes Geschoß und vergehen in Unverstand.

  13. Die Ruchlosen verhärten sich im Zorn. Sie flehen nicht, auch wenn er sie gefangen legt;

  14. so wird ihre Seele in der Jugend sterben und ihr Leben unter den Hurern im Tempel.

  15. Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal.

  16. So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.

  17. Wenn du aber richtest wie ein Gottloser, so halten dich Gericht und Recht fest.

  18. Sieh zu, daß nicht dein Zorn dich verlockt oder die Menge des Lösegeldes dich verleitet.

  19. Wird dein Geschrei dich aus der Not bringen oder alle kräftigen Anstrengungen?

  20. Sehne dich nicht nach der Nacht, die Völker wegnimmt von ihrer Stätte!

  21. Hüte dich und kehre dich nicht zum Unrecht, denn Unrecht wählst du lieber als Elend!

  22. Siehe, Gott ist groß in seiner Kraft; wo ist ein Lehrer, wie er ist?

  23. Wer will ihm weisen seinen Weg, und wer will zu ihm sagen: «Du tust Unrecht»?

  24. Denk daran, daß du sein Werk preisest, von dem die Menschen singen.

  25. Denn alle Menschen schauen danach aus, aber sie sehen's nur von ferne.

  26. Siehe, Gott ist groß und unbegreiflich; die Zahl seiner Jahre kann niemand erforschen.

  27. Er zieht empor die Wassertropfen und treibt seine Wolken zusammen zum Regen,

  28. daß die Wolken überfließen und Regen senden auf die Menge der Menschen.

  29. Wer versteht, wie er die Wolken türmt und donnern läßt aus seinem Gezelt?

  30. Siehe, er breitet sein Licht um sich und bedeckt alle Tiefen des Meeres.

  31. Denn damit regiert er die Völker und gibt Speise die Fülle.

  32. Er bedeckt seine Hände mit Blitzen und bietet sie auf gegen den, der ihn angreift.

  33. Ihn kündet an sein Donnern, wenn er mit Zorn eifert gegen den Frevel.

Kapitel 37

  1. Darüber entsetzt sich mein Herz und fährt bebend hoch.

  2. O hört doch, wie sein Donner rollt und was für Gedröhn aus seinem Munde geht.

  3. Er läßt ihn hinfahren unter dem ganzen Himmel und seinen Blitz über die Enden der Erde.

  4. Ihm nach brüllt der Donner, und er donnert mit seinem großen Schall; und wenn sein Donner gehört wird, hält er die Blitze nicht zurück.

  5. Gott donnert mit seinem Donner wunderbar und tut große Dinge, die wir nicht begreifen.

  6. Er spricht zum Schnee: «Falle zur Erde!» und zum Platzregen, so ist der Platzregen da mit Macht.

  7. So legt er alle Menschen unter Siegel, daß die Leute erkennen, was er tun kann.

  8. Die wilden Tiere gehen in die Höhle und legen sich auf ihr Lager.

  9. Aus seinen Kammern kommt der Sturm und von Norden her die Kälte.

  10. Vom Odem Gottes kommt Eis, und die weiten Wasser liegen erstarrt.

  11. Die Wolken beschwert er mit Wasser, und aus der Wolke bricht sein Blitz.

  12. Er kehrt die Wolken, wohin er will, daß sie alles tun, was er ihnen gebietet auf dem Erdkreis:

  13. zur Züchtigung für ein Land oder zum Segen läßt er sie kommen.

  14. Das vernimm, Hiob, steh still und merke auf die Wunder Gottes!

  15. Weißt du, wie Gott ihnen Weisung gibt und wie er das Licht aus seinen Wolken hervorbrechen läßt?

  16. Weißt du, wie die Wolken schweben, die Wunder des Allwissenden?

  17. Du, dem schon die Kleider heiß werden, wenn das Land stilliegt unterm Südwind,

  18. kannst du gleich ihm die Wolkendecke ausbreiten, die fest ist wie ein gegossener Spiegel?

  19. Zeige uns, was wir ihm sagen sollen; denn wir können nichts vorbringen vor Finsternis.

  20. Wenn jemand redet, muß es ihm gesagt werden? Hat je ein Mensch gesagt, er wolle vernichtet werden?

  21. Eben sah man das Licht nicht, das hinter den Wolken hell leuchtet; als aber der Wind daherfuhr, da wurde es klar.

  22. Von Norden kommt goldener Schein; um Gott her ist schrecklicher Glanz.

  23. Den Allmächtigen erreichen wir nicht, der so groß ist an Kraft und reich an Gerechtigkeit. Das Recht beugt er nicht.

  24. Darum sollen ihn die Menschen fürchten, und er sieht keinen an, wie weise sie auch sind.

DIE ANTWORT GOTTES (Kapitel 38 – 42)

Die erste Rede des Herrn aus dem Wettersturm

Kapitel 38

  1. Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

  2. Wer ist's, der den Ratschluß verdunkelt mit Worten ohne Verstand?

  3. Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

  4. Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir's, wenn du so klug bist!

  5. Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?

  6. Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt,

  7. als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne?

  8. Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß,

  9. als ich's mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln,

  10. als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore

  11. und sprach: «Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!»

  12. Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt,

  13. damit sie die Ecken der Erde faßte und die Gottlosen herausgeschüttelt würden?

  14. Sie wandelt sich wie Ton unter dem Siegel und färbt sich bunt wie ein Kleid.

  15. Und den Gottlosen wird ihr Licht genommen und der erhobene Arm zerbrochen werden.

  16. Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt?

  17. Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis?

  18. Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage an, weißt du das alles!

  19. Welches ist der Weg dahin, wo das Licht wohnt, und welches ist die Stätte der Finsternis,

  20. daß du sie zu ihrem Gebiet bringen könntest und kennen die Pfade zu ihrem Hause?

  21. Du weißt es ja, denn zu der Zeit wurdest du geboren, und deine Tage sind sehr viel!

  22. Bist du gewesen, wo der Schnee herkommt, oder hast du gesehen, wo der Hagel herkommt,

  23. die ich verwahrt habe für die Zeit der Trübsal und für den Tag des Streites und Krieges?

  24. Welches ist der Weg dahin, wo das Licht sich teilt und der Ostwind hinfährt über die Erde?

  25. Wer hat dem Platzregen seine Bahn gebrochen und den Weg dem Blitz und Donner,

  26. daß es regnet aufs Land, wo niemand ist, in der Wüste, wo kein Mensch ist,

  27. damit Einöde und Wildnis gesättigt werden und das Gras wächst?

  28. Wer ist des Regens Vater? Wer hat die Tropfen des Taus gezeugt?

  29. Aus wessen Schoß geht das Eis hervor, und wer hat den Reif unter dem Himmel gezeugt,

  30. daß Wasser sich zusammenzieht wie Stein und der Wasserspiegel gefriert?

  31. Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen?

  32. Kannst du die Sterne des Tierkreises aufgehen lassen zur rechten Zeit oder die Bärin samt ihren Jungen heraufführen?

  33. Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?

  34. Kannst du deine Stimme zu der Wolke erheben, damit dich die Menge des Wassers überströme?

  35. Kannst du die Blitze aussenden, daß sie hinfahren und sprechen zu dir: «Hier sind wir»?

  36. Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken?

  37. Wer ist so weise, daß er die Wolken zählen könnte? Wer kann die Wasserschläuche am Himmel ausschütten,

  38. wenn der Erdboden hart wird, als sei er gegossen, und die Schollen fest aneinander kleben?

  39. Kannst du der Löwin ihren Raub zu jagen geben und die jungen Löwen sättigen,

  40. wenn sie sich legen in ihren Höhlen und lauern in ihrem Versteck?

  41. Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irre fliegen, weil sie nichts zu essen haben?

Kapitel 39

  1. Weißt du die Zeit, wann die Gemsen gebären, oder hast du aufgemerkt, wann die Hirschkühe kreißen?

  2. Zählst du die Monde, die sie erfüllen müssen, oder weißt du die Zeit, wann sie gebären?

  3. Sie kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und werden los ihre Wehen.

  4. Ihre Jungen werden stark und groß im Freien und gehen davon und kommen nicht wieder zu ihnen.

  5. Wer hat dem Wildesel die Freiheit gegeben, wer hat die Bande des Flüchtigen gelöst,

  6. dem ich die Steppe zum Hause gegeben habe und die Salzwüste zur Wohnung?

  7. Er verlacht das Lärmen der Stadt, die Schreie des Treibers hört er nicht:

  8. er durchstreift die Berge, wo seine Weide ist, und sucht, wo es grün ist.

  9. Meinst du, der Wildstier wird dir dienen wollen und wird bleiben an deiner Krippe?

  10. Kannst du ihm das Seil anknüpfen, um Furchen zu machen, oder wird er hinter dir in den Tälern den Pflug ziehen?

  11. Kannst du dich auf ihn verlassen, weil er so stark ist, und überläßt du ihm, was du erarbeitet hast?

  12. Kannst du ihm trauen, daß er dein Korn einbringt und in deine Scheune sammelt?

  13. Der Fittich der Straußin hebt sich fröhlich; aber ist's ein Gefieder, das sorgsam birgt?

  14. Läßt sie doch ihre Eier auf der Erde liegen zum Ausbrüten auf dem Boden

  15. und vergißt, daß ein Fuß sie zertreten und ein wildes Tier sie zerbrechen kann!

  16. Sie ist so hart gegen ihre Jungen, als wären es nicht ihre; es kümmert sie nicht, daß ihre Mühe umsonst war.

  17. Denn Gott hat ihr die Weisheit versagt und hat ihr keinen Verstand zugeteilt.

  18. Doch wenn sie aufgescheucht wird, verlacht sie Roß und Reiter.

  19. Kannst du dem Roß Kräfte geben oder seinen Hals zieren mit einer Mähne?

  20. Kannst du es springen lassen wie die Heuschrecken? Schrecklich ist sein prächtiges Schnauben.

  21. Es stampft auf den Boden und freut sich, mit Kraft zieht es aus, den Geharnischten entgegen.

  22. Es spottet der Furcht und erschrickt nicht und flieht nicht vor dem Schwert.

  23. Auf ihm klirrt der Köcher und glänzen Spieß und Lanze.

  24. Mit Donnern und Tosen fliegt es über die Erde dahin und läßt sich nicht halten beim Schall der Trompete.

  25. Sooft die Trompete erklingt, wiehert es «Hui!» und wittert den Kampf von ferne, das Rufen der Fürsten und Kriegsgeschrei.

  26. Fliegt der Falke empor dank deiner Einsicht und breitet seine Flügel aus dem Süden zu?

  27. Fliegt der Adler auf deinen Befehl so hoch und baut sein Nest in der Höhe?

  28. Auf Felsen wohnt er und nächtigt auf Zacken der Felsen und steilen Klippen.

  29. Von dort schaut er aus nach Beute, und seine Augen sehen sie von ferne.

  30. Seine Jungen gieren nach Blut, und wo Erschlagene liegen, da ist er.

Hiobs erste Antwort an den Herrn

Kapitel 40

  1. ° Und der HERR antwortete Hiob und sprach:

  2. Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

  3. Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach:

  4. Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.

  5. Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will's nicht wieder tun.

Zweite Rede des Herrn aus dem Wettersturm

  1. Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

  2. Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich!

  3. Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, daß du recht behältst?

  4. Hast du einen Arm wie Gott, und kannst du mit gleicher Stimme donnern wie er?

  5. Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an!

  6. Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie!

  7. Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Gottlosen in Grund und Boden!

  8. Verscharre sie miteinander in der Erde, und versenke sie ins Verborgene,

  9. so will auch ich dich preisen, daß dir deine rechte Hand helfen kann.

  10. Siehe da den Behemoth, den ich geschaffen habe wie auch dich! Er frißt Gras wie ein Rind.

  11. Siehe, welch eine Kraft ist in seinen Lenden und welch eine Stärke in den Muskeln seines Bauchs!

  12. Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder; die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten.

  13. Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie eiserne Stäbe.

  14. Er ist das erste der Werke Gottes; der ihn gemacht hat, gab ihm sein Schwert.

  15. Die Berge tragen Futter für ihn, und alle wilden Tiere spielen dort.

  16. Er liegt unter Lotosbüschen, im Rohr und im Schlamm verborgen.

  17. Lotosbüsche bedecken ihn mit Schatten, und die Bachweiden umgeben ihn.

  18. Siehe, der Strom schwillt gewaltig an: er dünkt sich sicher, auch wenn ihm der Jordan ins Maul dringt.

  19. Kann man ihn fangen Auge in Auge und ihm einen Strick durch seine Nase ziehen?

  20. Kannst du den Leviathan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen?

  21. Kannst du ihm ein Binsenseil an die Nase legen und mit einem Haken ihm die Backen durchbohren?

  22. Meinst du, er wird dich lang um Gnade bitten oder dir süße Worte geben?

  23. Meinst du, er wird einen Bund mit dir schließen, daß du ihn für immer zum Knecht bekommst?

  24. Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel oder ihn für deine Mädchen anbinden?

  25. Meinst du, die Zunftgenossen werden um ihn feilschen und die Händler ihn verteilen?

  26. Kannst du mit Spießen spicken seine Haut und mit Fischerhaken seinen Kopf?

  27. Lege deine Hand an ihn! An den Kampf wirst du denken und es nicht wieder tun!

Kapitel 41

  1. ° Siehe, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden.

  2. Niemand ist so kühn, daß er ihn zu reizen wagt. - Wer ist denn, der vor mir bestehen könnte?

  3. Wer kann mir entgegentreten und ich lasse ihn unversehrt? Unter dem ganzen Himmel ist keiner!

  4. Ich will nicht schweigen von seinen Gliedern, wie groß, wie mächtig und wohlgeschaffen er ist.

  5. Wer kann ihm den Panzer ausziehen, und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen?

  6. Wer kann die Tore seines Rachens auftun? Um seine Zähne herum herrscht Schrecken.

  7. Stolz stehen sie wie Reihen von Schilden, geschlossen und eng aneinandergefügt.

  8. Einer reiht sich an den andern, daß nicht ein Lufthauch hindurchgeht.

  9. Es haftet einer am andern, sie schließen sich zusammen und lassen sich nicht trennen.

  10. Sein Niesen läßt Licht aufleuchten; seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte.

  11. Aus seinem Rachen fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus.

  12. Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie von einem siedenden Kessel und Binsenfeuer.

  13. Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Rachen schlagen Flammen.

  14. Auf seinem Nacken wohnt die Stärke, und vor ihm her tanzt die Angst.

  15. Die Wampen seines Fleisches haften an ihm, fest angegossen, ohne sich zu bewegen.

  16. Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie der untere Mühlstein.

  17. Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken, und vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein.

  18. Trifft man ihn mit dem Schwert, so richtet es nichts aus, auch nicht Spieß, Geschoß und Speer.

  19. Er achtet Eisen wie Stroh und Erz wie faules Holz.

  20. Kein Pfeil wird ihn verjagen; die Schleudersteine sind ihm wie Spreu.

  21. Die Keule achtet er wie einen Strohhalm; er spottet der sausenden Lanze.

  22. Unter seinem Bauch sind scharfe Spitzen; er fährt wie ein Dreschschlitten über den Schlamm.

  23. Er macht, daß die Tiefe brodelt wie ein Topf, und rührt das Meer um, wie man Salbe mischt.

  24. Er läßt hinter sich eine leuchtende Bahn; man denkt, die Flut sei Silberhaar.

  25. Auf Erden ist nicht seinesgleichen; er ist ein Geschöpf ohne Furcht.

  26. Er sieht allem ins Auge, was hoch ist; er ist König über alle stolzen Tiere.

Hiobs letzte Antwort an den Herrn

Kapitel 42

  1. Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:

  2. Ich erkenne, daß du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

  3. «Wer ist der, der den Ratschluß verhüllt mit Worten ohne Verstand?» Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.

  4. «So höre nun, laß mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!»

  5. Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

  6. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Gott rechtfertigt Hiob gegenüber seinen Freunden

  1. Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Eliphas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

  2. So nehmt nun sieben junge Stiere und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch; aber mein Knecht Hiob soll für euch Fürbitte tun; denn ihn will ich erhören, daß ich nicht töricht an euch handle. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

  3. Da gingen hin Eliphas von Teman, Bildad von Schuach und Zophar von Naama und taten, wie der HERR ihnen gesagt hatte. Und der HERR erhörte Hiob.

Hiobs gesegnetes Ende

  1. Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt soviel, wie er gehabt hatte.

  2. Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring.

  3. Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als einst, so daß er vierzehntausend Schafe kriegte und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen.

  4. Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter

  5. und nannte die erste Jemima*, die zweite Kezia** und die dritte Keren-Happuch***.

    *d. h. Täubchen. **d. h. Zimmetblüte. ***d. h. Salbhörnchen.

  6. Und es gab keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern.

  7. Und Hiob lebte danach hundertundvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied.

  8. Und Hiob starb alt und lebenssatt.

DER PSALTER